Über das Schwarzfahren

Gewinnsteigerung durch schwarzfahrerorientiete Unternehmenspolitik:

Schwarzfahrern gehört die Zukunft des öffentlichen Verkehrsbetriebes!
Denn es sind die Schwarzfahrer, die den Verkehrsunternehmen einen großen Teil an Einnahmen garantieren - und sie sterben niemals aus. Angenommen, das Verkehrsunternehmen einer Großstadt beschäftigt täglich 100 Kontrolleure. Nehmen wir weiterhin an, daß als Gegenleistung für das Ausstellen eines Schwarzfahrertickets 50.- Euro entgegengenommen werden. Unter der Annahme, daß sich täglich - belassen wir die Rechnung einfach - pro Kontrolleur im Durchschnitt 10 Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel finden, die diese besondere Serviceleistung in Ansprung nehmen, erhält das Verkehrsunternehmen folglich 50.000 Euro am Tag, alleine von seinen zahlungsfreudigen Kunden ohne weiße Weste! Angenommen, ein Einzelfahrschein unseres Verkehrsunternehmens kostet nun 1,50 Euro, so würde das bedeuten, daß auf einen einzigen Schwarzfahrer etwa 33 normal zahlende Fahrer kommen!

Als Dank dafür wird diese besondere Fahrscheinvariante "Strafe" genannt, das "Schwarzfahren" - alleine der Name klingt schon überaus diabolisch - wird als Vergehen deklariert und bei Wiederholung gar vor Gericht angezeigt. Moment mal! Das ist doch so, als würde ein Fischzüchter in die Teiche seiner wertvollsten Wasserbewohner Gift schütten. O nein, ein Verkehrsunternehmen hat ein natürliches Interesse an seinen täglichen Schwarzfahrern, ebenso wie eine Fischzucht an ihrem Fischbestand. Und es hat ein Interesse daran, möglichst häufig nach seinen Schwarzfahrern, seinen eigentlichen Platinkunden, fischen zu gehen. Natürlich ist aber auch bei der Fahrkartenkontrolle vor "Überfischung" eindringlich zu warnen. Ein Vorteil im öffentlichen Verkehrsbetrieb gegenüber der Fischzucht jedoch ist, daß, wenn im Falle eines massiven Engagements der Teich leergefischt ist, dem Verkehrsunternehmen mit der Zeit und nachlassender Kontrolle die Fische (Schwarzfahrer) von selbst wieder kommen.

Die Häufigkeit der Fahrkartenkontrolle findet also ihr Optimum in einem gesunden Mittelmaß, selten genug, um die Draufgänger unter den Verkehrsteilnehmern zu inspirieren und häufig genug, um die optimale Ausbeute beim Perlensuchen zu erzielen. Dieses optimale Mittelmaß ist vor allem beeinflußt durch die Faktoren Häufigkeit der Kontrolle und Preis des Platintickets. Mein persönlicher Tip wäre die Senkung des Preises auf einen psychologisch weniger schockierenden Betrag, etwa 25.- Euro - dies entspräche immer noch fast 17 Einzelfahrern - und zugleich eine entsprechende Erhöhung der Kontrollfrequenz.

In Hinblick auf die Abenteurer unter den Verkehrsteilnehmern herrscht von Seiten der Verkehrsunternehmen ein bislang kaum erkannter Innovationsbedarf. Den ersten Schritt einer Marketingoffensive "Draufgängerticket" bildet notwendigerweise die völlige Legalisierung des Schwarzfahrens. Schwarzfahren ist nicht illegal, nein, Schwarzfahren ist Risiko, Extremsport, für den Single ebenso wie für ganze Gruppen geeignet, LifeStyle pur. Schwarzfahren macht aus dem traurigen Verkehrsalltag ein frohes Abenteuer, gibt Dir den täglichen Adrenalinkick und ist geeignet selbst für Menschen mit suboptimalen körperlichen Voraussetzungen.

Die Erscheinung unfreundlicher Fahrkartenkontrolleure wird ersetzt durch ein kundenorientiertes Servicepersonal, jung, dynamisch, innovativ. Stellen Sie Sich bloß vor: Persönlicher Kartenverkauf in der U-Bahn, und das im Zeitalter von elektronischen Fahrkartenautomaten, Onlinebanking und Fitneß-Salaten bei MacDonald's! Gewiß würden sich einige Leute schon deshalb gerne erwischen lassen, weil so ein freundlicher Fahrkartenverkäufer durch die U-Bahn geht und persönlich die Fahrscheine ausstellt - freilich kostet diese besondere Dienstleistung einen kleinen Aufpreis, aber was macht das schon?

Der freundliche Mensch vom Servicepersonal des Verkehrsunternehmens könnte von jedem gewonnenen Neukunden die Personendaten erstmalig erfassen, woraufhin dieser in den darauffolgenden Tagen eine persönliche Kundenkarte mit Kundennummer erhält, die er beim nächsten Mal nur vorzeigen muß - die Zahlung verläuft natürlich, sofern erwünscht, bequem per Bankeinzug. Möglichkeiten der Langzeit-Kundenbindung wären außerdem auch hier gegeben, etwa durch Schwarzfahrer-Treuepunkte. Die kleine Treuekarte des Kunden erhält bei jedem Mal Erwischtwerden einen kleinen Stempel, z.B. in Form eines schwarzen Schafes. Beim zehnten Schaf gibt's dann einmal Schwarzfahren gratis.

Es könnten aber auch experimentelle Angebote für die ganz Risikofreudigen eingerichtet werden, wie z.B. einen speziellen Schwarzfahrerwagen in der U-Bahn oder Straßenbahn. Dies ist ein besonderer und für die Bedürfnisse des heimlichen Großstadtabenteurers eigens ausgestatteter Wagen, in den sich jeder ohne Fahrschein begeben kann. Gelegentlich wird kontrolliert, doch ist in diesem Wagen dann jeder dran, da nützt auch kein normaler Fahrschein, denn schließlich ist dies ja der Schwarzfahrerwagen! Allerdings könnte das Verkehrsunternehmen auch denjenigen Kunden, die in einem solchen Fall einen normalen Fahrschein vorweisen können, einen Preisnachlaß für das Schwarzfahrerticket in der Höhe ihres gelösten Fahrscheins gewähren.

Neben den normalen Schwarzfahrer-Angeboten wäre aber auch, gegen einen unwesentlichen Aufpreis, ein Schwarzfahrer Premium Service vorstellbar mit Sicherheitsgarantien für Pechvögel, wie z.B. "Einmal zahlen und für die nächsten 7 Tage 35% Nachlaß auf jedes weitere Mal Erwischtwerden". Kooperationen mit anderen Verkehrsunternehmen ermöglichten die Einführung etwa von "Schwarzfahrer-Kombitickets" (50% Nachlaß aufs Erwischtwerden in den drei größten Landesstädten), und gewiß gäbe es auch einen speziellen "Schwarzfahrer-Familientarif". Zusatzgeschäfte wären etwa durch den Verkauf spezieller "30 Sekunden - Vorwarngeräte" oder von "Schwarzfahrer-Geschenkgutscheinen" denkbar.

Das Resultat einer solchen schwarzfahrer-orientierten Unternehmenspolitik wäre naturgemäß eine starke Zunahme des Schwarzfahrerwesens. Mehr Fische im Wasser heißt aber auch mehr fischen zu können, somit wäre mit der daraus folgenden erlaubten Steigerung der Kontrollen auch mit einer drastischen Gewinnzunahme für das Verkehrsunternehmen zu rechnen.

Autor:Dominik Sedivy
http://www.dsedivy.net


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