Armut in Deutschland
Die ehemalige rot-grüne Koalition rühmt sich, als erste Bundesregierung einen Armuts- und Reichtumsbericht herausgegeben zu haben, mit dem die Diskussion über die Armut in Deutschland und die Verteilung des Reichtums versachlicht und enttabuisiert werden soll. "Beide Begriffe entziehen sich aufgrund ihrer Vielschichtigkeit einer allgemein gültigen Definition", schreiben die Verfasser des Berichtes es im Vorwort. Im den folgenden Zeilen wird eine sinnvolle allgemein gültige Definition von Armut versucht.
Zunächst macht es nur in reichen Gesellschaften wie Deutschland Sinn, von Armut zu reden, da der Begriff "Armut" das Verhältnis der Mitglieder einer Gesellschaft zum vorhandenen Reichtum derselben Gesellschaft bezeichnet. Armut ist ein in einer Gesellschaft praktisch gültiges, also dort herrschendes Verhältnis von Individuen zum Reichtum einer Gesellschaft.
Armut ist nämlich der Ausschluss vom vorhandenen Reichtum der Gesellschaft.
Armut hat insofern nichts mit den subjektiven Ansprüchen von Individuen zu tun, es ist auch nicht etwa Ausfluss überzogener Ansprüche notorisch nimmersatter Menschen, deren grenzenlose Bedürfnisse schlicht nicht zu befriedigen sind. Vielmehr gibt der in einer Gesellschaft tatsächlich vorhandene produzierte Reichtum das Maß der Lage von Individuen ab, denen man "Armut" bescheinigt. Arm zu sein bedeutet mithin, vom vorhandenen Reichtum ausgeschlossen zu sein. In Gesellschaften wie der deutschen, in denen die kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint der Reichtum als "ungeheure Warensammlung" (Marx). Er wird als Privateigentum der Kapitalisten produziert, von dem - eben qua Eigentum - zunächst alle anderen Gesellschaftsmitglieder ausgeschlossen sind, es sei denn, sie haben ihrerseits ein Eigentum an Geld und nutzen dieses zum Erwerb des produzierten Eigentums - dann haben sie aber das Geld nicht mehr.
Armut ist also nicht dasselbe wie Mangel. Armut ist schon gleich nicht dasselbe wie ein allgemeiner gesellschaftlicher Mangel. Armut ist Ausschluss von der produktiven Potenz einer Gesellschaft, also der Fähigkeit, einer Gesellschaft, Reichtum zu schaffen. Insofern ist, wenn man über Armut redet, das Phänomen Mangel nicht nötig. Mangel ist Nicht-Reichtum, d.h. tatsächlich nicht vorhandener Reichtum. Mangel bemisst sich am Bedarf und den Bedürfnissen eines Individuums, für das die Mittel der Bedürfnisbefriedigung fehlen, und individuell kann Armut natürlich als Mangel erscheinen. Gesellschaftlich ist Armut aber nie dasselbe wie Mangel oder Knappheit einer Gesellschaft. Auch das gibt es durchaus, nämlich dann, wenn in einer Gesellschaft tatsächlich die Produktivkräfte nicht reichen, um allgemein für alle Gesellschaftsmitglieder Bedarf oder Bedürfnisse zu decken. In diesem Fall ist nicht einmal die Reproduktion aller Gesellschaftsmitglieder möglich. Genau das liegt jedoch nicht vor, wo Armut herrscht, wo also Reichtum auf der anderen Seite vorhanden ist und laufend produziert wird. Armut ist also das Verhältnis zu - d.h. der Ausschluss von - den produktiven Fähigkeiten einer Gesellschaft, Überfluss zu schaffen, also mehr zu schaffen, als zu bloßen Bedarfsdeckung nötig ist. Der Reichtum in solchen Gesellschaften ist das Produkt einer Beherrschung der Natur und der Arbeitsproduktivität als nützliches Mittel. Daran gemessen gibt es Armut, und die liegt beispielsweise in einem Land wie Deutschland vor, dem man zweierlei nicht abstreiten kann:
- Erstens kann hierzulande prinzipiell jedes Bedürfnis befriedigt werden, sofern es zahlungsfähig ist. Dann ist sofort die entsprechende Ware produziert, auf dem Markt und am Mann.
- Zweitens wird in Deutschland mittels permanenter technologischer Revolution dauernd Arbeit produktiver gemacht, sobald sich dies rentiert.
In einer solchen Gesellschaft gibt es durchaus massenhaft Armut, und das heißt dann, dass Individuen beispielsweise von freier Zeit; von Arbeitserleichterung, von Arbeitsminderung, zum Teil auch von Bedürfnisbefriedigung und sogar Bedarfsdeckung ausgeschlossen sind, die sich mit den produktiven Potenzen dieser Gesellschaft allesamt schaffen ließen.
Soweit eine sinnvolle Definition des Begriffs "Armut" in einer Gesellschaft wie Deutschland. Es geht also nicht nur um so etwas wie die Benachteiligung von Leuten im Verhältnis zum Bereich der für den Konsum produzierten Dinge. Auch das gibt es, aber das ist eine Frage der individuellen Einkommen. Armut ist aber vielmehr der Ausschluss vom gesamten Reichtum, einschließlich der in einer solchen Gesellschaft vorhandenen Produktivität.