Jugendkultur und Flyer
Große Teile der modernen Jugendkultur sind untrennbar mit Musik verbunden - und mit deren Werbung. Allgegenwärtige Flyer sind dabei seit den 1990er Jahren das zentrale Informationsmedium. Wie die Tradition der Flyer entstand, deren Funktionen, Bausteine, Bilder und Formen, dem geht das 600 Seiten starke Buch "Flyer Soziotope" auf den Grund. Entstanden ist nun die "Topografie einer Mediengattung", die anhand von rund 2.500 Abbildungen gesammelter Flyer eine Art virtuelle Landkarte der Flyer erstellt.
"Flyer-Soziotope"
Eigentlich begann alles ganz harmlos: Man wollte die letzten Tage vor dem Jahr 2000 mit einer Festivalreihe, welche die Förderung progressiver kultureller Arbeit in vernetzten Systemen rund um die Jahrtausendewende zum Thema hatte, begehen. "The Border" hieß das Projekt, das alle hundert Tage Veranstaltungen organisierte und so eine Plattform für kooperierende Aktive und Ort aus allen Bereichen des Kulturschaffens aufbauen wollte. Die dabei entstandene Tour ließ einige Erinnerungsstücke zurück: Eintrittskarten, Druckschnipsel und Flyer. Artefakte, die "Reproduktion stimulieren. Weitermachen, anstecken lassen, Wissen erhalten". Das, so Buchautor Mike Riemel in seinem Vorwort sind die "Mission Statements des Unterfangens. Immer noch." Und das wiederum führte zu den Flyer Soziotopen, die Mike Riemel wie folgt definiert: "Gesellschaftliche Symbiosen musikzentrierter Gesellung in urbanen Räumen rund um das Medium Flyer"
Zur Topographie einer Mediengattung
Doch wer tatsächlich glaubt, das fast 600 Seiten starke, im Archiv der Jugendkulturen e.V. erschienene, Werk "Flyer Soziotope - Topographie einer Mediengattung" sei nur die Oberflächenanalyse eines Druckerzeugnisses, der irrt gewaltig. Die weltweite, globale Flyerkultur der letzten 25 Jahre trug und trägt mitunter wirklich seltsame Blüten, die das 12-köpfige Team hinter Mike Riemel in dreijähriger Arbeit bis in die Tiefen durchleuchtet. Jeder nur erdenkliche Winkel wurde gründlich durchsucht, um das ultimative Buch zur Flyerkultur zusammenzustellen. Herausgekommen ist eine sehr ansehnliche Flyerauswahl von der "weißen Rose" bis hin zum handgefertigten Hinweiszettel, die das Sujet nicht nur oberflächlich betrachtet. Insgesamt 280 Seiten Text (in deutsch und mit jeweils englischerÃ?bersetzung) beschäftigen sich auch mit der Geschichte, mit der Funktion und dem Aussehen von - von der Flyergeburt bis zur Sammelbox der Fans, die jeden Schnipsel in ihrem Archiv liebevoll deponieren.
Denkanstoß und Inspiration
Das 40 Euro kostende "Flyer Soziotope - Topographie einer Mediengattung" ist deshalb weit mehr als nur eine Sammlung verirrter Flyer. Es beleuchtet sorgfältig die "verkannte Kunst" des Mediums und dessen Hinter-, Beweg- und Entstehungsgründe. Beinahe liebevoll zeigt es dabei deutsche wie britische, schweizer und mexikanische Beispiele von Werbung, die in eine einzigartige Dreidimensionalität gepresst wurde. Und ganz nebenbei erfährt man auch noch etwas über die (illustrierte) Geschichte des Flugblattes, die linke Flyerkultur, den Sexismus auf Flyern und den verwendeten "Fachjargon" im Kapitel "Flyer richtig verstehen". Flyer richtig verstehen? Im übertragenen Sinn ist das fast nicht möglich! Und so bietet das Werk nicht nur Wissen, sondern auch Inspiration und Denkanstöße. Aufblättern und versinken sind schnell geschehen, denn Flyerkultur ist Fankultur und ist nicht jeder von uns ein Fan? Dann sollten Sie sich mit diesem Buch mit der Kultur- und Mediengattung "Flyer" tiefer gehend und inspirierend auseinandersetzen.