Kara Walker

Man muss schon ganz genau hinsehen, um sich nicht von Kara Walkers romantischen Scherenschnitten täuschen zu lassen. Was zuerst harmlos und verspielt wirkt, ist auf den zweiten Blick ein Szenario von zumeist gewalttätigem und erniedrigenden Behandlungen schwarzer Menschen, zumeist in den Rollen von Sklaven und Frauen. Sexuelle Übergriffe und Demütigung bestimmen die Arbeiten der 1969 in Stockton, Kalifornien, geborenen Künstlerin. Ganz bewusst hat sie den Scherenschnitt, auch Schattenriss genannt, als Medium gewählt, da er besonders im 18. und 19. Jahrhundert in den Südstaaten sehr beliebt war. Zu einer Zeit, in der Sklaven und Rassentrennung zum Alltag gehörten galt der Scherenschnitt als populäre Darstellungsmethode, die Walker nun nutzt, um ihre Sichtweise auf oft komplexe Themen anzuzeigen.

Zumeist lebensgroß und wandfüllend parodiert sie Szenen, die deren verstörend grausame Inhalte mit dem viktorianischen Medium konkurrieren.
Walkers Arbeiten gehen über die Grenzen der Klischees und der stereotypen Sichtweisen der Gesellschaft hinaus und bricht Tabus indem sie auch Frauen und Kinder zu Tätern und ausführenden Organen in ihren erbarmungslosen Szenen macht.

Einen guten Einblick in Kara Walkers Welt bietet ihr Werk "Virginias Lynch Mob". Man sieht einen Menschenzug von mehreren Metern Länge, lebensgroß spannt er sich über die Wand und wirkt wie eine Parade bei einem Stadtfest.
Voran geht ein Trommler, zackig und stolz, gefolgt von einer mordenden und nach Blut lechzenden Menschenmenge. Kinder töten sich gegenseitig beim Spiel mit Schusswaffen, ein Mann versucht eine junge Frau zu erhängen, während wieder andere Menschen sich gegenseitig aufspießen und leblose Körper mit sich herumtragen. Dazwischen feiernde und turnende Mädchen, die dem Ganzen den Anstrich eines Jahrmarktumzugs geben.

Inspirationen findet Walker immer wieder in den sogenannten Blackface und Minstrelshows, die sich ebenfalls seit Mitte des 18. Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreuten. Hier parodierten weiße Sänger und Schauspieler, als Schwarze verkleidet, Klischees, die sie für typisch ? schwarz? hielten. In einer Art Kabarett wurde so mit Liedern und Witzen der Schwarze als dumme und arglistige Kreatur dargestellt. Walker nähert sich vielschichtig und selbstreflektierend den Fragen nach der eigenen Identität vor dem Hintergrund der ehemaligen Sklaverei und der jetzigen Rassenvielfalt der USA und präsentiert dem Betrachter so immer wieder neuen Stoff, der zum Nachdenken anregt.


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