Pharmazeutische Weltverschwörung

Eine Industrie, deren Geschäft auf der Herstellung von Medikamenten beruht, ist der natürliche Feind der Gesundheit. Denn zu ihren Kunden zählen ausschließlich kranke Menschen, ein geheilter Mensch ist nicht länger ein Kunde. Der ideale Kunde eines Pharmaunternehmens ist daher tablettensüchtig und möglichst immer krank - abgesehen davon, daß natürlich viel Geld auf seinem Konto oder bei seiner Versicherung vorhanden sein solte, das für das Erlangen seiner Gesundheit ausgegeben wird.

Der ideale Pharmakunde leidet außerdem auch an einem breiten Spektrum möglichst komplizierter und schwer zu behandelnder Krankheiten. Die Pharmaindustrie hat ein natürliches Interesse daran, nicht nur wirksame Heilmittel nicht anzubieten, sondern auch bewußt zurückzuhalten und gegen jede wirklich "funktionierende" Medizin anzukämpfen.

Schnupfen und Grippe sind nur Peanuts, denn da helfen am besten in Supermarkt und Drogerie erhältliche Hausmittel wie Kamillentee, Menthol und viel Knoblauch. Die wirklich großen "Fische" sind es, an denen ein Pharmaunternehmen Interesse haben muß. Eine wichtige Strategieoption besteht dabei aus teilweise heilender Primärwirkung und möglichst starker und nicht zurück verfolgbarer schädigender Nebenwirkung. Andere Geschäftsfelder sind Medikamente, die mit Naturtrieben des Menschen und deren Störungen zusammenhängen, wie Schlaf, Hunger, Sucht, Übergewicht, Untergewicht und ganz besonders Sexualität.

Weitere allgemeine Bereiche sind vor allem Schmerzen aller Art und Krankheiten. Darunter fallen saisonbedingte Infekte wie etwa die alljährliche Frühjahrs-Grippewelle aber auch "wirkliche" Krankheiten, die nicht einfach von selbst wieder verschwinden, wenn man nur fünf Tage im Bett liegen bleibt und brav seine Kräutertees trinkt. Der "schwarze" Geschäftsbereich aber liegt in der Behandlung schwer oder gar nicht mehr heilbarer, durch Medikamente verursachte Leiden. Auf diesem Feld hat die Pharmaindustrie ihr Heimspiel: Einmal hingegangen, für immer dort gefangen! Das nennt sich Langzeit-Kundenbindung!

Damit ist aber die Pharmaindustrie keineswegt "böse". Es liegt gewissermaßen in ihrer Natur, sie ist nunmal so, die Welt ist so. Sie besteht nunmal aus Fressen und Gefressenwerden. Und eigentlich arbeiten in jeder Pharmafirma doch auch nur Menschen wie Du und ich, die ihren Kindern zu Weihnachten das neueste Computerspiel schenken wollen.

Die größte Konkurrenz für ein Pharmaunuternehmen ist nicht ein anderes Pharmaunternehmen, denn das denkt ebenso krankheitsbezogen, da hilft man sich gegenseitig, das ist Ehrensache! Außerdem sitzt man doch im selben Boot und kämpft nur um die Größe der Scheiben, die man sich gemeinsam vom Kuchen der nationalen Gesundheitsausgaben abschneidet. Die größte Konkurrenz ist jemand, der außerhalb des Systems steht und der es wirklich schafft, die Menschen zu heilen oder noch schlimmer, der sie gesund erhält - und es ist ebenso jeder, der sie überzeugt, daß er es könne (egal, ob es nun stimmt oder nicht), das kommt ja alles auf dasselbe hinaus! Daher hat die Pharmaindustrie ein notwendiges Interesse, alle Ärzte auf ihre Seite zu ziehen und ihnen ein kleines Stück (zumindest ein paar Krümel) des großen Kuchens zu versprechen.

Ebenso basiert ihre natürliche Strategie notwendig auch darauf, die Krankenkassen - sie heißen zu Recht so - auf ihre Seite zu ziehen. Gelingt ihnen das - und warum sollte es nicht? - so herrscht Friede, Freude und Aspirin in der Welt der allgegenwärtigen Krankheitsfreunde. Wären da nicht diese furchtbaren Ganzheitler, die es tatsächlich mit Karma, Chakra und Einhorntränen schaffen, die Menschen von der Heilwirkung ihrer Produkte und Dienstleistungen glauben zu lassen, bloß weil Elvis kürzlich mal wieder aus dem Jenseits geschworen hat, daß Konfuzius tatsächlich aus Atlantis und Pythagoras vom Stern Sirius stammt! Zum Glück aber heilen die kosmischen Strahlungen nicht alle Menschen, sondern nur jene vom Universum Erwählten, welche die Gabe besitzen, ein gewisses monetäres Fluidum transzendieren zu lassen. Alle anderen mögen daher bitte weiterhin brav ihre kleinen bunten Pillen schlucken, denn dies ist schließlich nicht die Wohlfahrt! So bleiben der Medizinindustrie, Hippokrates sei Dank, noch immer einige Klienten übrig. Diese erhalten dann aber mit Freude das volle Low-Budget-Krankheitsprogramm.

Nun heißt es in fortschrittlichen Ländern neuerdings bekanntlich aber nicht mehr "Krankenkasse", sondern "Gesundheitskasse". Wenn dies nicht nur ein Trick der schlauen Chemiefüchse ist, sondern eine Definition, so sieht die Welt in der Theorie wieder hoffnungsvoller aus. Denn dieser Begriff deutet dann auf einen grundsätzlichen Kurswechsel in der Gesundheitspolitik der Versicherungen hin. Sie scheinen damit nämlich offenbar zu bemerken, daß die Pharmaindustrie nur an Langzeit-Kundenbindung interessiert sein kann. Eine Gesundheitskasse aber profitiert mehr davon, wenn die Menschen freudig ihre Beiträge zahlen, gesund bleiben und als Patienten möglichst wenig kosten, denn dann gehört das Geld ihr.

Der Kuchen muß dann nicht mehr mit der Pharmaindustrie und den Ärzten geteilt werden, die nur dann die Bühne betreten, wenn's schon zu spät und der Patient krank ist. Daraus ergibt sich notwendig ein sehr gespaltenes Verhältnis zwischen den Pharmaunternehmen und den Krankenkassen. Denn einerseits müssen sie vorerst mit ihnen zusammenarbeiten (denn die Ärzte tun es auch), andererseits aber ist deren eigenes Ziel das Gegenteil von dem ihren. Wenn sie sich aber nun der Gesundheit ihrer Klienten tatsächlich verschreiben sollten, so werden sie nach Wegen suchen müssen, die Menschen aus den erstickenden Krakenfängen der Pharmazie zu befreien. Na, da können wir ja mal gespannt sein!

Einer Yahoo - Nachrichtenmeldung vom 12.4.2006 zufolge, die sich auf einen Artikel in der Public Library of Science Medicine beruft, existiert eine Praxis der Pharmaunternehmen, die sich Disease Mongering nennt:

""Disease-mongering ist das Verkaufen eines Leidens, das die Grenzen des Krankseins ausdehnt und Märkte für diejenigen schafft, die Medikamente herstellen, vertreiben und verkaufen", so die beiden Experten. "Das Schlimme daran ist, dass diese Leiden von den Herstellern in bezahlten Kampagnen so veranschaulicht werden, um Präparate dagegen zu verkaufen."Dabei stehe nicht eine Heilung im Vordergrund, sondern der Absatz eines Produkts."

Das bedeutet, daß seltene Leiden oder solche, die keine wirklichen Krankheiten sind, bewußt als schlimme und weit verbreitete Krankheiten dargestellt werden, um den Absatz eines Produktes zu steigern.

In einem pressetext-Interview, so der Artikel weiter, habe die Vizepräsidentin der österreichischen Apothekerkammer eine derartige Praxis in Österreich als "völlig unvorstellbar" ausgeschlossen. In ihrer Begründung beruft sie sich auf die Ärzte, die die meisten Medikamente verschreiben müssen.

Das Argument der Vizepräsidentin der Apothekerkammer könnte alleine unter der Annahme als stichhaltig erscheinen, wenn ein jeglicher Einfluß der Pharmaindustrie auf die Ärzte und auch die Apotheker völlig ausgeschlossen werden könnte und damit ihre Unabhängigkeit zweifelsfrei gewährleistet wäre. Dies aber ist nicht der Fall, denn es ist ja in erster Linie Aufgabe des Apothekers, Produkte (der Pharmaindustrie) zu verkaufen und es ist Aufgabe des Arztes, Pharmaprodukte zu verschreiben.

Es besteht außerdem natürlich nur ein einziger Unterschied zwischen dem Bewerben verschreibungspflichtiger Medikamente und dem hierzulande üblichen Bewerben der Gesundheitsförderung von Vitamin- und anderen Nahrungsergänzungspräparaten, der bewußten Hinzufügung von Vitaminen oder Spurenelementen zu normalen im Laden erhältlichen Nahrungsmitteln (Getränke, Müsli, ...) oder der künstlichen Veränderung etwa von Joghurtkulturen, denen eine Verbesserung der Darmflora und der Abwehrkräfte zugesprochen wird: Einmal wird eine bestimmte Krankheit verkauft, einmal die Gesundheit. Gezielte Nahrungsmanipulation ist LifeStyle - hier und jetzt! Disease-Mongering oder "Health-Mongering": für die Verkaufsbilanz der Unternehmen macht es keinen Unterschied.

Der Schwerpunkt im Gesundheitsverkauf hierzulande liegt eben auf Ergänzungspräparaten, gerade weil sie legal sind und als ungefährlich, ja gesundheitsfördernd eingestuft werden. So gesehen muß aber einsehen werden, daß diese Praxis ein unvergleichbar schlimmeres Schadenspotential hat als jedes als schlimme Krankheit verkaufte Leiden. Denn in diesem Fall wird eine bestimmte Krankheit vermarktet, in jenem Falle hierzulande ist es die (allgemeine) Gesundheit, die verkauft wird. Die Zielgruppe ist einmal begrenzt auf vermeintlich Kranke, hier aber ist die Zielgruppe unbegrenzt und umfasst alle Menschen. Die Praxis des Verkaufs von Nahrungsergänzung besteht darin, die Fantasie von einem Superlativ von Gesundheit gegenüber einem "normalen" Gesundheitsniveau zu konstruieren und diesen erfolgreich zu vermarkten.

Das Primat des Verkaufs geht aber auch hierzulande so weit, daß man in vielen Apotheken, obgleich es verboten ist, bei Bedarf auf Verlangen ohne große Schwierigkeiten verschreibungspflichtige Medikamente ausgehändigt bekommt, wenn man bloß Dringlichkeit vermittelt und angibt, daß man das Rezept vergessen habe und nachreichen könne. Aufgrund der Illegalität dieser Tatsache ist im Falle eines offenen Vorwurfes heftigster Widerspruch seitens der Apothekerkammer zu erwarten.

So muß geschlußfolgert werden, daß die zitierte Annahme, daß eine krankheitsverkaufende Praxis der Pharmaindustrie hierzulande unmöglich sei, jeglicher Vernunft entbehrt und bewußt die Augen vor einer völlig logischen und folgerichtigen Fehlentwicklung der gesamten Industrie um das (Un-)Wohlbefinden der Menschen verschließt. Die Aussage, daß ein derartiges Szenario nur in den USA, nicht aber in Europa möglich wäre, gleicht daher dem Beschwichtigungsversuch eines Strandaufsehers, der seinen Badegästen im Angesicht einer großen Rückenflosse erzählt, daß Haifische die Menschen grundsätzlich nur an den Stränden von Florida und Australien angreifen, nicht aber an seinem Strand.

Autor:Dominik Sedivy
http://www.dsedivy.net


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